Platonische Liebe sei vegetarischer Sex, befand schon im 19. Jahrhundert der Germanist Karl Weigand. Tatsächlich spielt das Körperliche in der Liebe und besonders beim Kennenlernen eine tragende Rolle. Welche das ist, entscheiden die Veranlagungen der Partner.
Eckpfeiler der Liebe
Eine glückliche Beziehung braucht Toleranz, Liebe und Zuneigung. "Wer sich mit seinem Partner intensiv austauscht, Konflikte konstruktiv löst, Kompromisse findet, sich gegenseitig unterstützt und mit seinem Partner in vielen Einstellungen, Wünschen, Interessen sowie Lebensmotiven größtenteils übereinstimmt, hat eine gute Voraussetzung, mit seinem Partner viele Jahre glücklich zu verleben", so Diplom-Psychologin Lisa Fischbach.
So weit, so gut. Aber zu einer Liebesbeziehung gehört natürlich auch die körperliche Ebene. Das findet auch Elena (32): "Ich habe einen Mann kennengelernt, der mir sehr gefiel. Er war klug, humorvoll und gut aussehend. Aber irgendetwas fehlte. Ich mochte ihn eben nur auf freundschaftlicher Ebene." Elena traf sich eine Weile mit ihm, doch das Kribbeln auf das sie wartete, wollte sich einfach nicht einstellen. "Mir fehlte etwas Entscheidendes", sagt sie.
Und das ist nun einmal wichtig. Aber: "Es gibt sexuelle und weniger sexuelle Menschen", erklärt Lisa Fischbach. "Wir leben unsere Lust unterschiedlich aus, je nach individueller Veranlagung. Doch es ist wichtig, dem Partner in diesen Bedürfnissen zu ähneln. Sonst ist sexuelle Unzufriedenheit vorprogrammiert."
Wenn zwei Menschen mit ihrem Liebesleben zufrieden sind, erleben sie ihre Beziehung insgesamt positiver. Frequenz, Dauer und Praktiken – das ist von Paar zu Paar verschieden. Wichtig ist, dass beide ähnlich ticken. Wer auf Blümchensex steht, wird sich mit einem Lack- und Lederfetischisten zwischen den Laken eher weniger verstehen.
Kribbeln auf den zweiten Blick
Elena hat es trotzdem weiterhin versucht. Schließlich muss es nicht immer Liebe auf den ersten Blick sein. Es gibt keinen genauen Zeitpunkt, an dem die Liebe eingeschlagen haben muss, erklärt Single-Coach Lisa Fischbach. Jedoch ist Verlieben auf den zweiten Blick und nach einer Weile seltener als die Variante, dass es sofort funkt, wenn beiderseitig Anziehung besteht. Geklappt hat es bei Elena dann trotzdem nicht, obwohl die beiden noch immer befreundet sind. "Die Gründe, warum es zwischen zwei Menschen funkt, sind hoch komplex", erklärt Lisa Fischbach. "Vieles läuft unbewusst ab. Zudem bestimmt gerade zu Beginn die körperliche Ebene die sexuelle Anziehung."
Verlieben ist keine Entscheidung des Kopfes. Wir können unser Schicksal nicht in die Hand nehmen und uns bewusst verlieben. Die Entstehung von körperlicher Erregung können wir schon gar nicht rational steuern. Dazu gehören zahlreiche Faktoren, von denen viele wissenschaftlich noch nicht geklärt sind. "Körperliche Anziehungskraft spielt in der ersten Phase des Verliebens eine entscheidende Rolle", so Lisa Fischbach. Uns jemanden schön zu reden, funktioniert deshalb leider nicht – höchstens für eine Nacht, nicht aber für eine tragfähige Beziehung.
Am Anfang steht die Leidenschaft
Körperliche Anziehungskraft ist zu Anfang ein guter Indikator für Leidenschaft und dem Wunsch nach körperlicher Nähe. "Verlieben wir uns dann ineinander, beginnen alle damit verbundenen biochemischen Prozesse, die Ausschüttung ganz spezieller Hormone", so Lisa Fischbach. "Diese regeln vieles in Sachen Harmonie. Wir blenden Dinge aus, die uns am anderen eigentlich nicht so gut gefallen und fokussieren unsere Wahrnehmung mehr und mehr auf unser Gegenüber." Gute Voraussetzungen für eine Beziehung, jedoch kein Garant. Erst, wenn der Hormoncocktail nachlässt, zeigt sich, wie tragfähig die Partnerschaft auf Dauer tatsächlich ist.
Gerade zu Beginn einer Beziehung steht Sexualität sehr im Mittelpunkt. Im Laufe der Zeit rangiert sie dann meist nicht mehr so weit oben. Wobei ein erfülltes Liebesleben für das Lebensglück beider Geschlechter immer noch entscheidend. Allerdings nicht als alleiniges Kriterium. Denn: Wenn zwei sich im Bett gut verstehen, heißt das noch lange nicht, dass dadurch auf Dauer zwischenmenschliche Unstimmigkeiten kompensiert werden können.
Diese Erfahrung hat auch Gerrit (34) mit seiner Ex-Freundin gemacht: "Wir hatten tollen Sex, aber ansonsten flogen ständig die Fetzen." Lisa Fischbach: "Zärtlichkeit und körperliche Nähe schaffen Verbundenheit und dadurch kann ein Paar womöglich auch Probleme in der Beziehung besser bewältigen. Doch das gelingt nicht immer und dann leidet darunter auch der Spaß im Bett." Wer einen ganzheitlichen Anspruch an die Beziehung hat – und Sex und Liebe nicht getrennt voneinander erleben mag, wird auf Dauer nur glücklich, wenn er mit seinem Partner sowohl auf der körperlichen, als auch auf der geistigen Ebenen, harmoniert.
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