Forscher entdecken den Einfluss der Rezession auf unser Liebesleben: Paare kuscheln mehr, haben aber weniger Sex. Singles machen sich verstärkt auf Partnersuche und verlieben sich schneller. Von der Romantik der Rezession...
Geldsorgen und Jobangst beeinflussen unser Liebesleben ganz massiv. Das bestätigen aktuelle Studien, zum Beispiel die des Sexualforschers Jakob Pastötter, Leiter der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Forschung: Er beobachtet seit Rezessionsbeginn ein gesteigertes Nähe- und Sicherheitsbedürfnis. Und die Anthropologin Helen Fisher von der Rutgers University, New Jersey, meint: Jobangst und Arbeitsstress steigern die Dopamin-Ausschüttung im Gehirn. Der Botenstoff wird mit romantischer Liebe und Glücksgefühlen assoziiert, die Anziehungskraft wird deutlich gesteigert. Bedeutet das, dass wir uns jetzt öfter und schneller ineinander verlieben? Psychologin Lisa Fischbach bestätigt: "In Krisenzeiten spielen soziale Bindungen eine große Rolle. Die ständigen Nachrichten von Insolvenzen und Massenentlassungen lassen uns verstärkt reflektieren, welche Werte im Leben wirklich wichtig und von Dauer sind. Zudem brauchen die Menschen einen Gegenpol zu den negativen Nachrichten, die in ihnen Angst erzeugen. Sie nutzen dazu die natürlichste Medizin: Zärtlichkeit und körperlichen Kontakt, der das Wohlfühlhormon Oxytocin produziert und die Bindung wiederum verstärkt."
Cocooning bringt Singles ins Netz
Das Geld ist knapp und Ausgehen wird zum Luxus. Anstatt den Samstagabend Martini schlürfend in Bars zu verbringen, lautet der Trend seit dem Dow Jones Zusammenbruch: Cocooning. Definiert im Wörterbuch als Abwehr- oder Angstreaktion in Form eines Rückzugs in den privaten Bereich. Konkret heißt das: Mit Freunden kochen statt Restaurantbesuch, Videoabend statt Kino, Privatparty statt Nobeldisko. So weit, so gemütlich. Doch das traute Beisammensein hat Risiken und Nebenwirkungen: Singles lernen keine neuen Menschen kennen. Da die Sehnsucht nach Geborgenheit aber gerade jetzt so groß ist, weichen Alleinstehende auf alternative Kennenlernoptionen aus und gehen online. Bei einer Partnervermittlung ist das Geld gezielter investiert als in teure Ausgehabende. Dementsprechend gestiegen sind die Anmeldungen bei Online-Partnervermittlungen seit Beginn der Krise.
Co|coo|ning [nur Sg.; Psych.] Abwehr- oder Angstreaktion in Form eines Rückzugs in den privaten Bereich [engl. cocoon "Kokon"]
Paare: Kuscheln statt Sex
Doch Nähe ist nicht gleich Sex. Eher weniger, so die Sexualforscher: "Wenn Paare viel kuscheln, haben sie erfahrungsgemäß weniger Sex", so Pastötter im Nachrichtenmagazin FOCUS. Denn Stress reduziert die Libido, statt Testosteron bestimme das Bindungshormon Oxytocin die Intimität. Sogar Männer mit bislang aggressivem Sexualverhalten reagierten unter psychischer Belastung wie Jungs, die von ihrer Mutter getröstet werden wollen. Frauen, die ihren harten Kerl schätzen, kommen mit dieser Rolle nur schlecht zurecht.
Die Libido der Banker
Einige Forscher registrierten an den großen Finanzzentren, dass junge, einst sehr erfolgreiche Banker sich mit fallenden Börsenkursen sexuell stärker engagieren. Die Erklärung: "Damit wollen sie sich ihre Potenz beweisen und ihr Selbstbewusstsein stärken." Doch andererseits wirkt die Krise eher negativ auf die Libido "gefährdeter Berufsgruppen": "Mit sinkendem Erfolg und drohender Arbeitslosigkeit kann das Selbstbewusstsein einen Einbruch erleiden", erläutert Diplom-Psychologin Lisa Fischbach. "Das kann dazu führen, dass die sexuelle Aktivität erst einmal sinkt."
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