Das Zulassen von Nähe und Liebe ist das A und O für eine
glückliche Beziehung. Wenn die Bedürfnisse hier auseinander gehen, ist die Liebe in Gefahr.
Wer sich liebt, will sich emotional und körperlich nah sein: "Beim Verlieben wird der andere zum sozialen und emotionalen Mittelpunkt unseres Lebens", erklärt Psychologin Lisa Fischbach. "Wir verlieren unsere emotionale Unabhängigkeit und werden verletzbar." Wie viel Nähe oder Eigenständigkeit sich jemand vom Partner wünscht, ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. So merkwürdig es klingen mag: Für die Liebe ist ein gewisses Maß Distanz wichtig. Jeder sollte seine Persönlichkeit behalten und nicht voll und ganz im anderen aufgehen. "Der Balanceakt, das richtige Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz zu finden, gehört zu den größten Herausforderungen einer glücklichen Beziehung", so Lisa Fischbach.
Liebe braucht Luft zum Atmen
Das Bedürfnis nach Nähe und Liebe ist in einer glücklichen Beziehung höchst individuell: Was dem einen die Luft zum Atmen raubt, ist dem anderen nicht eng genug. Manche möchten am liebsten alles miteinander teilen. Lisa Fischbach warnt jedoch: "Wer mit dem Partner zu sehr eins werden möchte, läuft Gefahr, seine Individualität und Unabhängigkeit zu verlieren." So begeben sich die Partner in Abhängigkeit und verlieren womöglich die Grenzen ihrer Persönlichkeit. Bei zu viel Nähe geht der Liebe die Luft aus, die sie zum Atmen braucht. Ein bisschen "Fremdheit" gehört einfach dazu, so bleibt die Spannung erhalten und der Liebste interessant.
Für Simone war das ein Problem. Die 33jährige war nicht begeistert, als ihr Freund darauf bestand, in der gemeinsamen Wohnung ein eigenes Zimmer zu haben. "Ich dachte, wir würden alles teilen", sagt sie. Aber gerade das ist so eine Sache: "Neben dem Wir ist der Erhalt des Ichs wichtig", sagt Single-Coach Lisa Fischbach. Ein eigenes Zimmer in der gemeinsamen Wohnung ist kein Grund zur Beunruhigung. Solange es genügend Dinge gibt, die das Paar teilt und erlebt.
Zudem ändert sich das Nähebedürfnis im Laufe der Beziehung. Oft wird es auf körperlicher Ebene weniger und nimmt auf emotionaler Ebene zu. Völlig normal: Der Unabhängigkeitswunsch wächst, je sicherer wir der Beziehung sind. Geschieht dies allerdings zu abrupt und verletzt den anderen, sollten Sie es thematisieren – dann ist Ursachenforschung gefragt.
Kindheitserfahrungen
Der Grundstein für unser Nähe-Distanz-Bedürfnis liegt in frühester Jugend. Wie wir in dieser Hinsicht gestrickt sind, hängt davon ab, ob wir als Kind eine sichere Beziehung zur Mutter oder anderen Bezugspersonen aufbauen konnten. Sicher heißt: Wir fühlten uns geborgen, hatten aber auch die Chance, Eigenständigkeit zu entwickeln. "Sicher gebundene Menschen können Nähe zulassen und geben. Sie können aber ebenso gut ihre Freiräume einfordern und diese auch dem Partner zugestehen", so Lisa Fischbach.
Wer eine problematische Mutter-Kind-Beziehung hatte, hat oft Angst vor Abhängigkeit und kann als Erwachsener Nähe schlecht zulassen. Das kann passieren, wenn es zu einer schmerzhaften Trennung von Mutter und Kind kommt. Jeder reagiert darauf unterschiedlich: "Entweder entwickeln wir ein sehr starkes Nähebedürfnis, wollen unseren Partner vereinnahmen und mit ihm verschmelzen", erklärt die Psychologin. "Oder wir schützen unsere Psyche vor weiteren Verletzungen, in dem wir unseren Nähewunsch verdrängen."
Ähnliche Bedürfnisse tun der Beziehung gut
Unbewusst suchen Menschen, die ihren Wunsch nach Nähe nicht ausleben, einen besonders anhänglichen Partner. Eigentlich eine gute Idee: Der eine hat's, der andere nicht. Aber nach anfänglichem Glückstaumel kann das schief gehen: "Hier kommt es zwangsläufig zu Konflikten", so die Psychologin. Totale Übereinstimmung ist allerdings auch nicht ideal, denn das nimmt der Liebe und einer glücklichen Beziehung die Spannung. Am besten also, wenn es einen gesunden Abstand der Bedürfnisse beider Partner gibt.
Balanceakt: Das richtige Maß finden
Natürlich: Es ist wichtig, sich nicht nur über den Partner zu definieren. Beide Partner sollten auch ohne einander glücklich sein können. Doch ein allzu großer Unabhängigkeitsdrang macht es schwer, sich emotional einzulassen. Hillas (34) letzte Beziehung scheiterte an dem großem Distanz-Bedürfnis ihres Ex: "Er machte rücksichtslos, was er wollte. Ich kannte noch nicht mal seine Freunde." Die Chemikerin war verletzt. Zu Recht, findet Lisa Fischbach. So viel Distanz ist eindeutig zu viel. Hilla hatte vorsichtig versucht, sich ihm anzunähern, ihm Freiheiten zu gewähren. "Er fand immer noch, dass ich ihn erdrücke." Da hat sie ihn verlassen.
Inzwischen ist sie mit Gerrit (35) glücklich. Auch der schätzt seine Unabhängigkeit – ebenso die Abende zu zweit. Und nachdem Hilla und Gerrit die erste Phase der Verliebtheit hinter sich haben, wünscht sich auch Hilla nun wieder häufiger Zeit für sich. Normal, schließlich gibt es neben dem "wir" noch das "ich". Und das ist für die Liebe und eine glückliche Beziehung genauso wichtig.
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1 Kommentare (älteste zuerst)Habe dazu ganz aktuell ein Buch von Hans Kreis gelesen: Wahre Liebe leben. Der Autor verbindet hier Mythos und Erkenntnisse aus der Hirnforschung. Mit acht Schlüsseln zeigt er dir den Weg hin zu einem neuen Liebesbewusstsein, egal ob als Single oder in einer Beziehung. Erst wenn man sich selbst erkennt und lieben lernt, seine Sehnsucht wahrnimmt und diese Sehnsucht nicht unterdrückt, sondern ihre Kraft nutzt, wird man ein bewusst Liebender. Nebenbei verabschiedete ich mich von Lebenslügen und alten Vorurteilen. Mit eingebauten Liebesübungen kann man zwischendurch immer wieder das Gelesene praktisch umsetzen. Das Buch öffnet einem die Augen über die wahre Liebe und wie man gemeinsam glücklich wird.