1. Das Anna-Karenina-Prinzip - Eifersucht und Ehebruch = Drama?

    In der aktuellen Kinoverfilmung des Klassikers „Anna Karenina“ von Leo N. Tolstoi geht es in drei Handlungssträngen um moralische Fragen zur Ehe, zum Ehebruch und zur Gesellschaftsordnung.

    Die Titelfigur Anna Karenina flüchtet aus einer Vernunft- Ehe mit dem 20 Jahre älteren nüchternen Staatsbeamten Alexej Karenin in eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zu dem Grafen Wronskij, die in eine Katastrophe führt. Nachdem Anna schwanger wird und sich von Ihrem Mann lossagt und somit den Kontakt zu dem Kind aufgibt, ist sie geächtet und lebt mit dem Geliebten zusammen, den sie aber nicht heiraten kann, weil Sie Ihren Sohn nicht komplett verlieren möchte.

    Anna verliert sich immer mehr in Selbststzweifeln und in Eifersucht gegen Ihren Geliebten und stürzt sich schließlich vor einen Zug. Der Geliebte zieht dann aus Gram freiwillig in den Krieg und fällt dort.

    In Tolstois Roman sind die Hauptfiguren Suchende nach Antworten auf die elementaren Fragen des Lebens, die letztlich nicht endgültig beantwortet werden (können).

    In wieweit glauben Sie, dass das sogenannte Anna-Karenina-Prinzip: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ hilft mit Eifersucht und Ehebruch klarzukommen?
    Ruft das zu einer Relativierung dieser Problemfelder auf?
    Hätte die Geschichte Ihrer Meinung nach weniger dramatisch enden können?
     
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    • # 1
    • 07.11.2012
    • Gast
    Natürlich hätte sie weniger dramatisch enden können!

    Aber dann wäre es eben nicht Anna Karenina gewesen, sondern irgendeine Liebesgeschichte mit einem netten Happyend.
    Grundsätzlich kann man doch sagen, dass wir die Dramen in unserem Leben selbst machen. Es gibt Schicksalschläge in Familien, wenn man die hört, denkt man sich, wie können sie das überleben...und doch schaffen sie es sogar wieder glücklich zu werden. Vlt. weil das Schicksal grausam war und sie erkannt haben, dass es darum um so nötiger ist jeden Tag als das zu sehen was es ist. Ein Tag im endlichen Leben, lebenswert und schön, wenn man selbst es will.
     
  3. die meisten Dramen entstehen aus der Sucht nach Drama (Adrenalin und Dopamin) heraus.. je tiefer die negativen gefühle sind, desto "schöner" werden die positiven danach empfunden, auch wenn sie eigentlich nur "kalter Kaffee" sind stinknormal sind, so werden sie doch als "besonders gut" wahrgenommen. Wenn man vorher nur lange genug in der Eishölle baden war..
     
    • # 3
    • 07.11.2012
    • Gast
    Man kann den Ehebruch natürlich auch historisch betrachten. Persönlich kann ich Fremdgehen vor einigen Jahrzehnten nachvollziehen. Erst in unserer Zeit hat der Großteil der Leute im Westen den Lebensstandard, dass man sich den Luxus der romantischen Liebe leisten kann. Wenn ich mit einer Frau zusammen sein müsste, die ich nicht liebe, rein aus standestechnischen Gründen oder von den Eltern verheiratet, dann ist das ja keine Liebe. Wie wäre es denn wenn ich eine Frau liebe und dann zwangsweise eine andere heiraten müsste? Außerdem gab es in diesen Zeiten deutlich weniger Geschlechtskrankheiten. Des weiteren konnte man selbst aus einer Ehe mit gewaltätigem Partner nicht fliehen, da die Scheidung verachtet war.

    Heutzutage, in einer Zeit, in der man sich Partner egal welchen Geschlechts oder Hautfarbe aussuchen kann und außerdem die Scheidung keinen Gesellschaftsausschluss bedeutet ist Ehebruch allerdings verachtenswert. Und wer heute eine "Vernunftsehe" eingeht der braucht sich auch nicht über mangelnde Liebe beschweren.

    m34
     
    • # 4
    • 07.11.2012
    • Gast
    Ich verstehe gerade den Sinn des Postings nicht...

    Kann man einen russischen Gesellschaftsroman aus dem späten 19. Jahrhundert auf die Situation in Deutschland übertragen? - Nein!

    Ginge es mir als Mensch des beginnenden 21. Jahrhunderts, der in Liebesdingen unglücklich ist besser, wenn ich daran dächte, dass es der guten Anna vor 120 Jahren noch schlechter ging? Nein!

    Was hätte sie in Ihrer Situation anders machen können? Sich entweder für den Geliebten oder für den Sohn entscheiden - und mit der gesellschaftlichen Ächtung leben lernen. Immer noch besser als sich vor nen Zug zu schmeißen.
     
  4. @4: Den Gesellschaftsroman kann man vielleicht nicht übertragen, aber die zentralen Bereiche Eifersucht und Ehebruch.

    Das"Anna-Karenina-Prinzip "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche ist auf ihre eigene Weise unglücklich" soll bedeuten, dass für Erfolg oder Glück viele Faktoren erfüllt sein müssen und wenn nur einer dieser Faktoren nicht erfüllt ist, so kann es bereits zum Misserfolg oder zum Unglück kommen. Jeder setzt andere Maßstäbe an.

    Bei Anna Karenina könnte man denken, dass sie eigentlich glücklich sein müsste, weil sie mit Ihrem Geliebten nun zusammenleben kann. Nicht die Tatsache von dem Sohn getrennt zu sein, sondern die Eifersucht treibt sie in den Tod. Sie hat somit die Liebe zu dem Grafen Wronskij als wichtigsten Pfeiler Ihres Glückes identifiziert.

    Hätte Sie nun den Fokus Ihres Glücks mehr auf sich und die gemeinsame Tochter gelegt und weniger auf den Ehemann wäre es möglicherweise weniger dramatisch abgelaufen.

    Ganz anders sieht die Erwartung des Grafen an die Liebesbeziehung aus: Wronskji erfüllt die Liebe zu Anna nicht. Er möchte gesellschaftlich legitimiert werden durch eine Heirat.

    Meine Frage sollte somit positve Impulse geben und wie eine Metapher darauf hinweisen, dass es auch noch andere Dinge im Leben gibt und es häufig die Sichtweise ausmacht. Es hilft in der Regel Abstand zu gewinnen und schwerwiegende Entscheidunge nochmals zu überdenken.
     
    • # 6
    • 08.11.2012
    • Gast
    @ 5: Ok, da wird mir einiges klarer.

    Das Problem bei "Anna Karenina" war, dass sie zwar, nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hatte, zwar dann mit ihrem Geliebten zusammen war, aber zu einer gesellschaflichen Außenseiterin wurde. Darunter litt die Beziehung zum Geliebten, da beide, nach Abklang der ersten Leidenschaft, merkten, dass soe kaum noch die Möglichkeit haben gemeinsam am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, da sie geächtet wurden aufgrund der Scheidung. Im Gegensatz zu ihrem Geliebten war sie als Frau völlig alleine - von der Gesellschaft UND ihrem Kind isoliert. Sie hatte nur noch Kontakt zu Bediensteten und eben ihrem Geliebten. Diese völlige Isolation hat sie letztendlich in den Freitod geführt.
    In der modernen Welt führt eine Entscheidung zu einem anderen Partner in der Regel weder zur kompletten Isolation vom gesellschaftlichen Leben noch zur kompletten Trennung von den Kindern.

    Aus diesem Grund finde ich es eben schwierig von Anna Karenina auf die heutige Sicht der Dinge zu schließen.

    Wenn man trotzdem versucht die Situation von damals auf heute zu übertragen, dann kann ich nur Recht geben: eine neue Liebe ist nur dann etwas wert, wenn man dafür nicht zuviel des eigenen Lebens aufgeben muss. Wegen eines neuen Partners würde ich niemals meinen Beruf aufgeben und schon gar nicht meine Kinder.
     
  5. Ok., durch die Erklärung wird es verständlicher.
    Ja, romantische Liebe macht nicht glücklich, sie bringt sogar Unglück, wenn andere existenzielle Faktoren dadurch geschwächt werden. Anerkennung, Verbundenheit in Familie und Gesellschaft, Essen, Trinken, Wohnen (also Geld).
    Romantische Liebe als solches ist ja auch ein sehr junges kulturelles Phänomen, die alten Griechen sahen Liebesleidenschaft noch als Krankheit an. Sie gehört zur Selbstverwirklichung und setzt voraus, daß viele existentielle Basismodule (ich beziehe mich da auf Maslow) da sind.
    So gesehen ist Tolstois Roman eine Durchleuchtung des Phänomens romantische Liebe. Ist sie das Einzige, was Menschen zusammenhält und reduziert sich die Lebensbeteiligung darauf, wird es gefährlich.
    Das ist hier im Forum ja auch allfällig zu lesen. Nehme ich den langweiligen netten Mann, mit dem ich mir eine gutes Leben aufbauen kann oder lasse ich es mit dem heißen Lover richtig knallen und denke nicht an morgen? Bleibe ich bei meiner Frau, die mir auch schon einmal besser gefallen hat oder lasse ich mich von einer meiner Studentinnen lustvoll an der Nase herumführen? (etwas polemisch ausgedrückt)
    Auf den ersten Blick ist die Geschichte überlebt, heute werden Ehebrecher nicht mehr geächtet. Auf den zweiten Blick ist sie noch gültig. Es gibt nur kein gesellschaftlich-moralisches Korrektiv mehr.
    Man muß sich das Heute nur ansehen: Was ist der Preis, das ich für emotionale Höhe und Selbstverwirklichung zu zahlen habe? Welche Konsequenzen hat eine Scheidung wirklich? Patchwork, mit allem Aufwand und allen seelischen Schwierigkeiten dazu, Kapitalvernichtung durch Verkauf oder Auszahlung halb bezahlter Immobilien, Erbschaftsprobleme, Reduzierung bestimmter Lebensperspektiven (zweite Frau muss ggf. auf Kinder verzichten, Kontaktabrisse zu den Freunden und Schwiegereltern, die Kinder verlieren Wurzeln und Bezugspersonen, Renteneinbuße) und am Schluss vielleicht doch die Perspektive, allein dazusitzen, weil die hochfliegenden Pläne scheitern...
     
  6. Ich glaube nicht daran, dass Tschechows glückliche Familien immer glücklich sind, sie sind nur im Gleichgewicht und funktionieren, sie haben eine gute Hell-Dunkel-Verteilung und die positiven Synergien überwiegen die negativen. Vielleicht macht auch keiner der Partner den anderen für sein persönliches Glück verantwortlich.
    Ich hatte es mir mal anders erklärt. Das Maß des Leidens in einer menschlichen Biografie ist immer gleich, egal zu welcher Zeit. Die Art des Leidens transformiert sich. Ob arrangierte Ehen oder Liebesheiraten, ob verbotene Geburtenkontrolle oder die dezidierte einstimmig Entscheidung für Nachwuchs, ob Einkindfamilie oder halbe Fußballmannschaft, ob Vorstadtexistenz oder Bohemeleben, ob kurze Lebenserwartung oder langes Siechtum in Pflegeheimen, global gesehen minimiert sich das Risiko unglücklich zu sein, nicht. Und ich wage zu behaupten, je mehr man Glück zu optimieren versucht, desto mehr wird einem auffallen, dass man das Unglück nicht aus dem Leben bekommt. Es ist nämlich die Kehrseite der Medaille. Glück und Unglück gehören zusammen wie Ying und Yang. Man kann allerhöchstens an der Amplitude der Ausschläge schrauben. Wo wir wieder beim Tschechowschen Liebesdrama wären. Sie wollte große Gefühle und Leidenschaft und hat sie bekommen. Auf beiden Seiten.
     
    • # 9
    • 16.11.2012
    • Gast
    Natürlich hätte sie anders enden können. Es war ja auch keine Real-Life-Geschichte, sondern nur das, was ein Autor für unabwendbar hielt, vielleicht, weil er das so wollte, oder weil er sich interessant machen wollte.

    Hat schon mal jemand ein solches Drama erlebt, und wenn ja, was waren das für Leute? Jede Wette, die waren depressiv vorbelastet. Was macht ein venünftiger Mensch, wenn sich die "Dinge" nicht so entwickeln, wie er das möchte, wenn kein Appell was nützt und er zu leiden beginnt? Er sagt sich, dass das irgendwann wieder aufhört, richtet sich so ein, dass die äußeren Gegebenheiten "stimmen" und hält den Ball flach.

    m 50
     

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