Offene Beziehung

Offene Beziehung: Wie man als Paar zusammenleben und auf Treue verzichten kann

von: Kristina v. Klot

Nie wieder Eifersucht, nie wieder Besitzansprüche! Die Theorie offener Beziehungen klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Das romantische Ideal von Treue beruht auf einer Lüge, die eine offene Beziehung nicht nötig hat, weil man frei ist, sich auch mit anderen sexuell auszuleben. Wie offene Beziehungen funktionieren und welche ungeschriebenen Regeln dabei zu beachten sind, haben wir genauer betrachtet.

Absolutes Vertrauen, völlige Transparenz

Wer zum Thema „offene Beziehung“ im Internet recherchiert, stößt auf unzählige Artikel, Pamphlete und Streitschriften, deren Autoren sich für eine Partnerschaft einsetzen, innerhalb derer beide Beteiligten einander die Freiheit zugestehen, auch andere Sexualpartner zu haben, während die emotionale Treue dem Hauptpartner vorbehalten bleiben soll. So ist zum Beispiel in einem Online-Artikel der Huffington Post unter den kämpferischen Parolen „Monogamie: ein großes Missverständnis“ und „Befreien wir uns von den Zwängen der Monogamie!“ zu lesen: „Eine Beziehung, in der (sexuelle) Treue eingefordert wird, ist in den meisten Fällen von vornherein zum Scheitern verurteilt.“ Der Autor argumentiert, dass für eine gelungene und nachhaltige Beziehung andere Dinge als (sexuelle) Treue ausschlaggebend seien. „Ehrlichkeit und Vertrauen können in einer offenen Partnerschaft viel besser gedeihen.“ Stellvertretend für viele andere Autoren geht auch er davon aus, dass eine Beziehung ohne jegliche Besitzansprüche „antifragil und krisensicher“ werde, weil sich die Partner einander in völliger Offenheit begegnen, sich alles erzählen und sich sogar für den anderen freuen würden, wenn er/sie einen neuen Sexualpartner gefunden habe: „Wenn es keine Geheimnisse mehr geben muss, kann das Vertrauen zueinander auch viel besser aufgebaut werden. (…) Neben dem absoluten Vertrauen gibt es noch einen weiteren Vorteil der offenen Beziehung, nämlich die Abwesenheit von Eifersucht. Alle Dramen, mit denen eine monogame Partnerschaft sich oftmals plagen muss, würden den beteiligten Personen erspart bleiben.“

Schluss mit der Einschränkung der Freiheit!

Ein Beitrag von 10 nach 8, einem Blog der der Zeit Online, in dem ein feministisches Autorinnen-Kollektiv schreibt, führt gegen das „Verliebt-verlobt-verheiratet-Märchen“ klassischer Paarbeziehungen ins Feld, dass es sich dabei um einen schlecht kaschierten Versuch der Gesellschaft handele, die Sexualität des Einzelnen einzuschränken. „Das Begehren soll endlich eingehegt und in die Schranken verwiesen werden. Auf dass es sich ab dann hoffentlich ausschließlich auf diese eine Person fokussiert, denn andernfalls stünde alles auf dem Spiel: die Beziehung, die Familie, das mühsam aufgebaute Glück. Die eigene Freiheit endet genau wie die des geliebten Anderen an der Tür zum Standesamt.“ Weiter heißt es, das Problem sei nicht die Institution Ehe selbst, „sondern die Idee, die ihr zugrunde liegt: Monogamie, bis dass der Tod uns scheidet. Sexuelle Treue, bis dass wir uns wirklich nicht mehr sehen können. Wir – nur wir zwei – unsere Kinder und unser Erbe, das auf sie übergeht – sollte es nicht vorher durch einen langwierigen Scheidungskrieg aufgezehrt worden sein.“

Das Problem: der Ausschließlichkeits- und Besitzanspruch

In dem Artikel wird darüber hinaus die Überforderung angesprochen, unter deren Last eine jede Paarbeziehung früher oder später zwangsläufig kollabieren müsse: „Alles wird von dieser Einheit erwartet: dass sie diese zwei Menschen mit Liebe, Sex und Leidenschaft versorgt, heute und für immer, mit Freundschaft und Gesellschaft bis ins hohe Alter.“ Hinzu komme, dass der Wunsch nach Ausschließlichkeit einen Besitzanspruch markiere, der in der Liebe nichts zu suchen habe. Die Beteiligten „müssen die missgünstige Form der Eifersucht als das erkennen, was sie ist: wie die Ehe vor allem als etwas, das den eigenen Besitz wahren soll. Ein kapitalistisches Gefühl. Mein Haus, mein Auto, meine Frau, mein Sohn – und du lässt besser die Finger davon.“ An die Stelle der Eifersucht sollte idealerweise eine „süße Variante der Eifersucht“, nämlich die „Faszination für den Rivalen“ treten. Damit das gelinge, sollten allerdings ein paar Voraussetzungen gegeben sein, schreibt die Autorin: „Dazu müssen alle Beteiligten aufgeklärt sein, über sich selbst, die anderen und deren jeweiligen Bedürfnisse. Sie müssen von sich selbst absehen können und überdurchschnittlich kommunikationsfähig sein.“

Wichtigste Voraussetzungen: Einvernehmlichkeit und Vertrauen

Aber welche Regeln gilt es in einer offenen Beziehung zu beachten? Und wie kann man sich vor falschen Erwartungshaltungen und Verletzungen schützen? Das Risiko, enttäuscht zu werden, ist in einer offenen Beziehung nicht geringer als in jeder anderen Paarbeziehung auch, meint Lisa Fischbach, Diplom-Psychologin und Paarberaterin bei ElitePartner. „Es muss sich auch in der Praxis erst einmal erweisen, wie gut man selber Eifersucht und Freiheit zu begegnen weiß. Wir wurden ‚selbstverständlich monogam‘ erzogen und deshalb muss die Grundeinstellung schon stark sein, um dieses Modell in einer monogamen Gesellschaft wirklich langfristig zu leben.“ Gerade dann, wenn zunächst nur einer von beiden sich vorstellen kann, eine offene Beziehung zu führen, sei Sensibilität gefragt: „Für die Öffnung einer Beziehung braucht es behutsames Vorgehen, Raum für Entwicklung, viel Kommunikation und Vertrauen. Das wird häufig unterschätzt.“ Dabei sei das wichtigste Gebot die Einvernehmlichkeit. „Erlaubt ist, was beide Partner miteinander vereinbaren. Dafür braucht es viele Absprachen, Regeln und aktive Beziehungsarbeit.“

Als Autorin des Buches „Treue ist auch keine Lösung“ sieht Lisa Fischbach aber auch die Chancen, die in einer solchen Konstellation liegen: „Für Partnerschaften bietet dieses Modell ein komplett anderes Paradigma an, Liebe zu leben, und das schafft Raum für Entwicklung.“

Eifersucht: das Ende einer offenen Beziehung?

Aber reicht das aus? Was, wenn mir unerwartete emotionale Bindungen einen souveränen Umgang mit erotischen Rivalen unmöglich machen? Und: Wer garantiert mir, dass ich trotz aller Offenheit, Gesprächsbereitschaft und klarer Absprachen nicht derart eifersüchtig werde, dass mich schon die Vorstellung, dass mein/e Partner/in mit einer/einem anderen im Bett ist, vor Wut rasen lässt? Lisa Fischbach konstatiert zwar, dass Eifersucht in allen Beziehungen vorkommt, „und es scheint zu sein wie mit der Seekrankheit. Auch nach 40 Jahren auf See kann ein ganz bestimmter Wellengang auch bei alten ,seefesten Hasen‘ plötzlich diesen Tumult auslösen.“ Aber zugleich müsse man im Dienste einer offenen Beziehung lernen, anders mit dieser Gefühlsregung umzugehen. „Wir dürfen Eifersucht nicht als etwas Gottgegebenes und Unabwendbares hinnehmen. Eifersucht ist kein klassisches Gefühl wie Freude, Trauer oder Überraschung. Eifersucht ist ein Sammelsurium von grundlegenden Emotionen wie Wut, Angst und Trauer.“ Die Psychologin plädiert dafür, sich vor allem über die eigenen Gefühle klar zu werden: „Wenn ich dagegen angehen will, sollte ich Eifersucht als Lehrmeister nehmen. Was sagt mir meine Verlustangst? Warum mache ich mein Selbstwertgefühl und Wohlbefinden so stark von jemand anderem abhängig? Und wie reagiere ich darauf? Kann ich daran wachsen?“

Treue: der Versuch einer Neuinterpretation

Darüber hinaus, so Fischbach, sei es höchste Zeit, den mit Eifersucht verknüpften Begriff der Treue, wie er umgangssprachlich verwendet wird, zu differenzieren. Ewige Treue sei zwar theoretisch durchaus möglich, nur dürfte sie die absolute Ausnahme sein, so Fischbach.

Und: Wenn man Treue als exklusives Abgeschlossensein einer Liebe gegenüber anderen Partnern betrachte, sei das eine negative Definition. „Wer hingegen sieht, was für altgediente Paare die wichtigsten Werte sind, wird Begriffe wie Loyalität, Verlässlichkeit und Vertrauen finden. Und Vertrauen und Treue haben die gleiche Wortwurzel – das alte Wort ‚triuwe‘, das stark, fest, dick meint.“ Eine Treue, die als Verbot gegenüber anderen verstanden wird, würde Beziehungen daher eher schwächen, wogegen eine Treue, die als das Schaffen und Vertiefen von Vertrauen und Verbindlichkeit zwischen den Beteiligten verstanden wird, eine Partnerschaft stärken würde. „Der Zauber der Liebe entsteht durch das, was wir als positive Treue bezeichnen: Faszination, sich beschäftigen mit, sich einlassen auf den Geliebten, Neugier, Fantasie, Ehrlichkeit, Vertrauen, tiefe Gespräche, Bindung, Investition von Zeit und Aufmerksamkeit, Demut und Lernbereitschaft.“

Versuchen Sie’s mit Verzauberung: mit vernünftiger Romantik!

Der Kern der meisten Beziehungsprobleme von heute, sagt Fischbach, sei eine völlig überzogene Erwartungshaltung an einen idealen Partner. Die Vorstellung, Liebe bedeute grundsätzlich „alles mit einem und für immer“, was Fischbach in dem Kürzel AMEFI zusammenfasst, sei der Liebesfluch unserer Tage. Ein solcher Anspruch führe dazu, dass man schon nach kurzer Zeit am Partner unliebsame oder fehlende Eigenschaften entdecken würde, die nicht ins perfekte Bild passen, sodass man sich frustriert abwende und sich in die nächste Beziehung stürze. „Was wir heute für romantisch halten, ist oft fast das Gegenteil. Wir wollen das beste Liebesobjekt, und dann wollen wir es halten und besitzen. Das ist kapitalistische Konsumentenlogik, aber keine Romantik!“ Stattdessen, rät die Psychologin und Autorin, solle man sich lieber auf das besinnen, was „in den Ursprüngen der Romantik“ deren Kern ausgemacht hat: „Ein bewusstes Verzaubern der aufgeklärten Welt. Wir plädieren in unserem Buch für eine vernünftige Romantik als Lösung vieler Probleme.“ Das Ideal, sagt die Psychologin, sei eine Art paradoxale Liebe, bei der es darum gehe, den anderen bewusst so wahrzunehmen und zu behandeln, als wäre er eine Art göttliches Wesen, obwohl wir ihn in seiner ganzen menschlichen Fehlbarkeit sehen können. Fischbach ist überzeugt: „So hätten wir sicher ein besseres Liebesleben!“ Der Grundirrtum beider Geschlechter besteht in ihren Augen vor allem darin, die Erfüllung in der Liebe im richtigen Objekt zu sehen „und nicht in unserer Fähigkeit zu lieben“. Eine Fähigkeit, die man trainieren könne und die immer gefragt sei, ob in einer monogamen oder in einer offenen Beziehung. „Ob wir innerlich wachsen, weil wir in den Armen verschiedener Geliebter andere Teile von uns entdecken oder weil wir in einer monogamen Beziehung immer wieder bereit sind, unser Bild vom anderen infrage zu stellen, um in ihm alle Männer/Frauen der Welt zu finden und durch erkundende Fantasie hervorzubringen, ist dann fast nebensächlich.“

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