Neurotiker: Frau trinkt Kaffee und schaut aus dem Fenster

Beziehung zu einem Neurotiker: So gehst du mit der Verhaltensstörung um

von Luisa Münch , 11. Feber 2021

Der Begriff Neurotiker wird häufig als schnelle Erklärung für Menschen verwendet, die sich kompliziert oder unerklärlich verhalten. Allerdings wissen nur wenige Menschen, was sich hinter der Bezeichnung wirklich verbirgt. Das ist ungünstig, denn viele Partnerschaften sind von neurotischem Verhalten betroffen – ein Blick in die Tiefe lohnt sich also. Wir verraten dir in diesem Beitrag mehr über neurotische Störungen und geben dir wertvolle Tipps zum Umgang mit einem Neurotiker in einer Beziehung.

Inhaltsverzeichnis:

„Mein Partner ist Neurotiker“ – die wichtigsten Fragen im Überblick

Leidet ein Mensch an einer psychischen Störung, ist das sowohl für ihn als Betroffenen als auch für seinen Partner oder seine Partnerin eine Herausforderung. Schließlich bringt eine solche Störung diverse Verhaltensweisen mit sich, die es in einer Beziehung gemeinsam zu händeln gilt – und das ist nicht immer leicht. Ist dein Partner Neurotiker, solltest du zuerst herausfinden, was eine neurotische Störung eigentlich bedeutet. Denn nur, wenn du verstehst, warum dein Partner sich auf eine bestimmte Art verhält und was in ihm vorgeht, kannst du dich in eurer Beziehung auch darauf einstellen.

Was ist ein Neurotiker?

Neurotiker sind ängstliche, gehemmte und unsichere Menschen, die unter sogenannten Neurosen leiden. Von außen betrachtet werden Reaktionen eines Neurotikers häufig als ungewöhnlich oder übertrieben wahrgenommen, dazu scheinen seine Stimmungen extrem zu schwanken. Abzugrenzen sind Neurotiker von Psychotikern, denn zwischen ihnen liegt ein entscheidender Unterschied: Der Bezug zur Realität ist bei einem Psychotiker gestört, er leidet zum Beispiel unter Wahnvorstellungen. Seiner Krankheit ist er sich allerdings nicht bewusst. Neurotiker wissen im Gegensatz dazu um ihr Leiden und können die Ursachen dafür ergründen. Eine Person mit einer stark ausgeprägten Spinnenphobie etwa weiß also, dass ihre Angst eigentlich überflüssig ist und oft auch, woher diese kommt. Regulieren kann sie die durch Spinnen ausgelöste Panik jedoch nicht. Generell beeinflussen Neurosen sowohl das Verhalten als auch die eigene Persönlichkeit, was Betroffene oft als sehr belastend wahrnehmen.

Was ist eine Neurose?

Heutzutage wird von Neurosen nur noch umgangssprachlich gesprochen, denn die psychischen Störungen, die früher unter Neurosen zusammengefasst wurden, sind schlichtweg zu verschieden. Im medizinischen Bereich werden neurotische Störungen deshalb inzwischen genauer klassifiziert. Dazu zählen Gruppen wie Angststörungen, Zwangsstörungen, dissoziative Störungen wie multiple Persönlichkeiten, somatoforme Störungen wie Hypochondrie sowie Depressionen. Zusammengefasst lassen sich Neurosen also als eine Gruppe seelisch bedingter Krankheiten oder Störungen ohne körperliche Ursache beschreiben.

Wie äußert sich eine Neurose?

Neurotische Störungen können sich in einer ganzen Reihe an Symptomen äußern – schließlich umfasst der Begriff diverse Persönlichkeitsstörungen, die wiederum unterschiedliche Anzeichen mit sich bringen. Zu den häufigen Symptomen zählen Ängste, Phobien und depressive Verstimmungen. Aber auch Zwangshandlungen, sich ständig wiederholende Gedanken oder die Überzeugung, trotz ergebnisloser Untersuchungen an einer ernsten Krankheit zu leiden, sind häufig Anzeichen von Neurosen. Solche psychischen Symptome wirken sich dann auch auf den Körper aus, was gerade bei Hypochondrie zu einem Teufelskreis führen kann. Neurosen äußern sich also mitunter auch in Form von Herzrasen, Schweißausbrüchen, Lähmungserscheinungen oder Magenproblemen.

Was ist ein neurotisches Verhalten?

Aufgrund der verschiedenen Ausprägungen psychischer Störungen lässt sich bei einem Neurotiker nicht ein neurotisches Verhalten beschreiben. Vielmehr hängt das typische Verhalten von der konkreten Störung ab. Generell lässt sich aber festhalten, dass sich neurotische Menschen in bestimmten Situationen anders verhalten als psychisch gesunde Personen – für letztere ist die neurotische Reaktion dann oft nur schwer nachzuvollziehen. Ein Beispiel für ein neurotisches Verhalten bei Personen mit Zwangsstörungen ist etwa der Kontrollzwang. Während viele Menschen sich vor Verlassen des Hauses nochmal versichern, dass der Herd oder die Lampen ausgeschaltet sind und dann beruhigt ihrer Wege gehen können, müssen Neurotiker immer und immer wieder überprüfen, dass tatsächlich alles ausgeschaltet ist. Sobald sie sich vom Herd entfernen, taucht der Zwang zum Kontrollieren des Herdes sofort wieder auf, was das Verlassen des Hauses zu einer großen Herausforderung macht. Meist wissen Menschen mit Kontrollzwang, dass ihr Verhalten irrational ist. Doch wenn sie versuchen, ihre Rituale nicht auszuführen, wächst ein enormer innerer Druck, dem sie auf Dauer nicht standhalten können.

Wie kommt es zu Neurosen?

Es gibt verschiedene Theorien dazu, wie neurotische Störungen ausgelöst werden. In der Psychoanalyse nach Sigmund Freud werden frühe Erlebnisse in der Kindheit wie etwa ungelöste Konflikte, unterdrückte Ängste oder sexuelle Schwierigkeiten als Ursache verstanden. Diese bleiben im Unterbewusstsein bestehen und äußern sich Jahre später im Erwachsenenalter als Neurosen. In der Lerntheorie hingegen wird davon ausgegangen, dass Neurosen erlernte Fehleinschätzungen sind, die zu unpassenden Reaktionen auf bestimmte Situationen führen. Grundsätzlich ist es möglich, dass eine Veranlagung für psychische Störungen vererbt werden kann. Und auch die eigene Persönlichkeitsstruktur beeinflusst das Risiko, an psychischen Störungen zu erkranken.

Neurotiker als Partner: Das bedeutet die Störung für deine Beziehung und so kann sie trotzdem gelingen

Sehr viele Menschen schleppen prägende Erfahrungen oder belastende Verhaltensweisen mit sich rum. Während diese einen Teil der Betroffenen so stark belasten, dass sie sich therapeutische Hilfe suchen, leben die meisten Menschen relativ unbeschwert mit ihren neurotischen Zügen. Doch immerhin rund 20 Prozent der Deutschen sind in irgendeiner Form neurotisch veranlagt – und gerade in zwischenmenschlichen Situationen kann das eine Beziehung beeinflussen. Das bedeutet noch lange nicht, dass eine Beziehung dann nicht möglich ist. Damit sie gelingt, sollten aber beide Seiten wissen, wie mit den neurotischen Zügen umzugehen ist.

So erkennst du, ob dein Partner unter einer neurotischen Störung leiden könnte

Da Neurosen sich in so vielen Arten äußern können, sind vor allem leichte neurotische Ansätze nicht unbedingt leicht zu erkennen. Stimmungsschwankungen etwa können auch daher kommen, dass dein Partner oder deine Partnerin gerade einfach eine stressige Phase durchmacht. Wenn dir allerdings folgende Anzeichen schon über einen längeren Zeitraum in eurer Beziehung auffallen, dann könnte das auf eine neurotische Störung hindeuten:

  • Kleine Meinungsverschiedenheiten führen bei euch schnell zu aggressiven Streits.
  • Alltägliche Situationen werden problematisiert oder schlecht geredet, obwohl sie eigentlich gar nicht problematisch sind.
  • Bei kleinen körperlichen Problemen ist dein Partner direkt besorgt, er könnte ernsthaft krank sein.
  • Dein Partner hat ein sehr geringes Selbstwertgefühl.

Problematisch ist, dass viele Neurotiker unterbewusst eine Beziehung zu einem Menschen eingehen, von dem sie erwarten, er könne alte Erfahrungen oder Konflikte auflösen. So soll etwa das Gefühl von Ablehnung durch die Eltern in der Kindheit dadurch gekittet werden, in der Beziehung besonders viel Nähe vom Gegenüber zu erfahren. Doch damit steht die Partnerschaft auf einem eher instabilen Fundament, denn der Partner allein kann alte Konflikte nicht auflösen, sodass die (nicht erfüllte) Erwartungshaltung des neurotischen Parts früher oder später zu neuen Konflikten führen wird.

5 Tipps, wie der Umgang mit einem Neurotiker in der Partnerschaft gelingt

Psychische Erkrankungen sind immer herausfordernd für zwischenmenschliche Beziehungen. Ganz gleich, ob du mit einem depressiven Partner zusammenlebst oder mit jemandem, der zu Angst- oder Zwangsstörungen neigt. Doch das heißt noch lange nicht, dass eine Beziehung mit einem Neurotiker zum Scheitern verurteilt ist. Im Gegenteil: Wissen beide Partner mit der Störung umzugehen, kann diese die Beziehung sogar bereichern. Neurotische Menschen können äußerst kreativ sein, versuchen oft, das Beste aus Situationen herauszuholen und haben ein gutes Gespür für Risiken – allesamt positive Eigenschaften. Was also braucht es dafür, um den Neurotiker an deiner Seite gut zu unterstützen und eure Beziehung so auf ein stabiles Fundament zu setzen?

  1. Eine gute Balance zwischen Ich- und Wir-Identität
    Oft neigen neurotische Menschen dazu, völlig in der Wir-Identität eines Paares aufzugehen und die eigene Persönlichkeit und Bedürfnisse darüber zu ignorieren – oder sie achten so sehr aufdas Ich, dass es keine gemeinsame Paar-Identität gibt. Achte also darauf, dass diese beiden Bereiche in eurer Beziehung ausgewogen sind und ermutige deinen Partner falls nötig dazu, sich auch Zeit für seine eigenen Hobbys und Bedürfnisse zu nehmen.
  2. Verständnis des neurotischen Verhaltens als Krankheit
    Pessimismus oder starke Stimmungsschwankungen lassen schon kleine Streitigkeiten zu tickenden Zeitbomben werden – um diese zu entschärfen, solltest du dir immer wieder vor Augen führen, dass dein Partner nicht aus seiner Haut kann. Er verhält sich nicht auf eine bestimmte Weise, weil er dir damit etwas Schlechtes will. Gelingt es dir, dieses Wissen immer im Hinterkopf zu behalten, kannst du wohlwollender mit dem Verhalten deines Partners umgehen und Situationen einfacher deeskalieren.
  3. Körperliche Nähe als liebevolle Unterstützung
    Neurotiker setzen sich oft viel mit ihrem Verhalten auseinander und wissen theoretisch, welche Lösungen es für Probleme gäbe – praktisch können sie diese jedoch nicht (immer) anwenden. Da kann es helfen, Trost und Unterstützung einfach nonverbal in Form von Kuscheln oder einer herzlichen Umarmung zu geben. So zeigst du deinem Partner, dass du ihn auch mit seinen – für dich nicht immer nachvollziehbaren – Gedanken und Gefühlen liebst.
  4. Zulassen der negativen Gefühle
    Dein Partner versinkt gerade in einer pessimistischen Phase? Statt zu sagen „Sei doch mal positiv“ hilfst du deinem Partner viel mehr damit, wenn du seine Gefühle annimmst und versuchst, empathisch zu sein. So kann er selbst seine Stimmungen reflektieren, ohne sich von dir abgelehnt zu fühlen.
  5. Unterstützung in Form von Einzel- oder Paartherapie
    Solltest du oder dein Partner zu sehr unter der neurotischen Störung leiden, dann scheut euch nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Neurotische Störungen lassen sich in Therapien ausgezeichnet behandeln.

Fazit: Dein Partner ist Neurotiker? Das bedeutet noch lange kein Aus für eure Liebe!

Unter dem umgangssprachlichen Begriff Neurosen werden psychische Erkrankungen wie Angst- und Zwangsstörungen, Hypochondrie oder Depression zusammengefasst. Diese beeinflussen Verhalten und Persönlichkeit von Betroffenen und führen zu Symptomen wie Stimmungsschwankungen, Phobien, Zwangshandlungen oder immer wiederkehrenden Gedanken. Neurotiker wissen um ihr Leiden und dessen Ursachen, können ihr Verhalten aber nicht so einfach ändern. Es ist also kein Wunder, dass neurotische Störungen auch Beziehungen beeinflussen und das Leiden für den Partner des Neurotikers ziemlich herausfordernd sein kann. Doch mit den richtigen Tipps gelingt es, einen gemeinsamen Umgang mit der neurotischen Störung zu finden. Wichtig dafür ist:

  1. Eine gute Balance zwischen Ich- und Wir-Identität
  2. Verständnis des neurotischen Verhaltens als Krankheit
  3. Körperliche Nähe als liebevolle Unterstützung
  4. Zulassen der negativen Gefühle des Partners
  5. Professionelle Unterstützung bei zu großem Leidensdruck

Wenn dir ein solcher Umgang mit der Störung deines Partners gelingt, steht einer harmonischen und stabilen Beziehung auch mit einem Neurotiker nichts mehr im Weg.