Frau und Mann haben ihre Beziehung weiterentwickelt und liegen sich auf einer Rooftop Party im Arm

Wie wir uns in einer Beziehung weiterentwickeln

von: ElitePartner Redaktion , 23. Februar 2015

Diplom-Psychologin Lisa Fischbach beschreibt in ihrem Essay den Spagat zwischen Selbstverwirklichung und Anpassung, den jeder in einer Partnerschaft heutzutage meistern muss. Wer will und kann ich in einer Liebesbeziehung sein? Die gesellschaftlichen Werte des 21. Jahrhundert stellen in den westlichen Industrienationen eine klare Forderung: Sei individuell, sei besonders und bloß kein Durchschnitt.

Bescheidenheit war gestern

Bescheidenheit, Demut und Rücksicht war gestern. Einst hehre Werte gleichen heutzutage Heldentaten. Fast in Vergessenheit sind sie geraten, auf jeden Fall muten sie altmodisch an. Und sind doch so schöne, menschliche Werte. Nicht nur, weil sie in Phasen einer Beziehung mit der richtigen Dosis Wunder bewirken können. Wie in so vielen Bereichen hat es einen Paradigmenwechsel gegeben – einen Wertewandel par excellence.

Selbst wenn es immer wieder Anwandlungen von konservativen Rückschrittlichkeiten in Büchern wie „Rules“ gibt, so sind wir doch verbannt dazu, möglichst modern, emanzipiert und aufgeschlossen zu sein. Die Autorinnen Ellen Fein und Sherrie Schneider raten in ihrem Werk, dass Frauen beim Flirten nie den ersten Schritt machen sollen, sich auch niemals nach dem ersten gelungenen Date melden, sich grundsätzlich besser rar machen sollten, als Interesse bekunden und selbstverständlich sollte er die Rechnung übernehmen, am besten jedes Mal. Das riecht nach dem Mief der fünfziger Jahre. Erstaunlicherweise funktioniert die Weibchen-Rolle noch immer bei einigen Männern. Denn allzu forsch auftretende Frauen sind für viele Männer keine leichte Kost, wird das vermeintlich starke Geschlecht durch zu viel Präsenz im Gegenüber in der eigenen Rolle verunsichert.

„Erst komme ich, dann die anderen“

Dieser Empfehlung längst entwachsen, haben zahlreiche Frauen in den letzten ein, zwei Jahrzehnten gelernt, deutlich stärker für sich und die eigenen Bedürfnisse zu sorgen. Auch bei der Partnersuche und vor allem in der Beziehung. Denn hier hat sich seit den 50er Jahren viel geändert.

Gerade Frauen und Männer aus pädagogisch anspruchsvollen Familien haben erfahren, quasi mit der Muttermilch aufgezogen, wie bedürfnisorientiert auf sie eingegangen wurde. Schon bei den geburtsvorbereiteten Yogakursen, den Gesprächen über den Verbleib des Mutterkuchens, der Wahl des bioaktiven Kinderbettchens und der perfekten Vorbereitung der Kindererziehung wird deutlich sichtbar: Alles dreht sich um die beste Erfüllung kindlicher Bedürfnisse. Das hat viele Vorteile. Das kleine Wesen Mensch fühlt sich in dieser Welt willkommen, spürt, wie besonders es ist, kann ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln, erfährt täglich, was es alles schon beherrscht und wie es auf seine Umwelt einwirken kann. In großer Freiheit aufgewachsen können Kinder und Jugendliche immerzu wählen, was gut für sie ist. Das ist echter Luxus. Die kleine Krux daran: Sie müssen auch wählen, weil so wenig durch restriktive Normen bestimmt ist. Das Individuum steht gegenwärtig sehr hoch im Kurs. Und damit auch die tief eingravierte Haltung: „Ich achte auf mich und meine Bedürfnisse.“ Ein Mantra, welches sich als Glaubenssatz bis in die untersten Schichten des Unbewussten graben kann.

Das gesunde Ego ringt mit dem Wir

Bedürfnisorientierung kann etwas sehr Positives sein. Ebenso der damit verbundene Selbstbezug und Egoismus – selbstredend der gesunde. Schließlich haben wir eine Aufgabe unfreiwillig in die Wiege gelegt bekommen: Wir müssen uns selber finden, in dieser Gesellschaft unter Tausenden von Wahlmöglichkeiten den für uns optimalen Platz besetzen. Nicht nur beruflich, auch gesellschaftlich und privat. Selbstverwirklichung ist keine Option mehr, sondern ein Imperativ! Wir müssen das irgendwie meistern.
Das ist isoliert betrachtet bereits eine echte Herausforderung. Nun wird es aber noch komplizierter: Das Abenteuer Partnerschaft steht vor uns. Zwei Menschen, Architekten ihrer ganz eigenen Individualität, die ihre Lebensentwürfe entwickelt haben. Jedoch sollten sich in einer Partnerschaft zwei Menschen aufeinander beziehen. Das erfordert eine ganze Menge an Anpassungsleistung. Denn im gemeinsamen Wir geht es um das Ausloten der eigenen Bedürfnisse und der des Partners. Die Schnittmenge gleicher Wünsche und Sehnsüchte ist unproblematisch gefunden.

Doch was ist mit den Bedürfnissen, die der Partner nicht teilt? Kulturelle Vorlieben, der Wunsch nach besonderer Ordnung, die Art sich zu ernähren, sexuelle Stellungen oder der Wunsch, mal alleine zu verreisen. Im Idealfall gelingt es, die eigene Ich-Identität zu behalten und genügend Wir-Identität zu gestalten. Ein Ausbalancieren von Nähe und Freiheit, Anpassung und Abgrenzung, Selbstbezug und Kompromissen. Für heutige Ich-Wesen kein leichter Parcours. Wir haben nicht gelernt, im Kollektiv zu leben. Wir stellen mit Leichtigkeit das Ego über die Gruppe – wir leben nicht in Kulturen wie Japan oder China, in Ländern, in denen die Individualität gesellschaftlich dem Kollektiv nicht in dieser Form überstellt ist.

Die Krux der Individualität

Individualität macht einsam. Isoliert in dieser Selbstbezogenheit müssen wir Bezug zu anderen Menschen herstellen, um diese Isolation zu überwinden. Aber vor allem um uns in unserer Einzigartigkeit, in unserem speziellen Sein durch den anderen bestätigen zu lassen. So fühlen wir, dass wir ok sind, wie wir sind. Und damit nicht mehr isoliert. Wir sind soziale Wesen, brauchen das Gefühl, im Kontakt zu sein, in Verbindung zu stehen. Also ist der Modus Vivendi, sich in einer Partnerschaft zu öffnen, das Innerste mit dem Partner zu teilen. Damit ist kein Seelenstriptease gemeint oder die Empfehlung, alles dem Partner erzählen zu müssen. Im Kern geht es darum, dem Partner miteinzubeziehen, was einen bewegt, berührt, erfreut, beängstigt, welche Sehnsüchte und Wünsche man leben möchte, wohin einen das Leben treiben soll.

Um sich zu entwickeln, kann der Partner helfen. Denn wir spiegeln uns in ihm und spüren Grenzen und Möglichkeiten. Das ist das Wertvolle einer Partnerschaft. Und deshalb lohnt es sich, in eine Partnerschaft zu investieren und daran auch in holprigen Phasen festzuhalten.

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