Frau ist schaut gefühlskalt auf ihr Handy

Gefühlskälte: eine Herausforderung in der Partnerschaft

von Luisa Münch , 14. Feber 2020

Gefühlskalt zu sein bedeutet, keine Emotionen zeigen zu können. Wer unter dieser Eigenschaft leidet, hat es vor allem bei der Partnersuche schwer, denn hier dreht sich alles um Gefühle. Und auch Beziehungen, in denen ein Partner gefühlskalt ist, bringen häufig verschiedenste Konfliktpunkte mit sich. Wie sich Gefühlskälte äußert, ob Sie selbst gefühlskalt sind und wie der Umgang mit der eigenen oder der Kälte des Partners dennoch gelingt, das erfahren Sie hier.

Inhaltsverzeichnis

Was es wirklich bedeutet, gefühlskalt zu sein

Im Volksmund werden gefühlskalte Menschen oft als distanziert oder unbeteiligt beschrieben. So verstehen viele Menschen unter Gefühlskälte die Schwierigkeiten damit, eigene Gefühle auszudrücken, überhaupt etwas zu empfinden oder auf die Gefühle anderer Menschen eingehen zu können. Auch sehr rationale Menschen werden umgangssprachlich oft als gefühlskalt eingeschätzt.

In der Psychologie ist Gefühlskälte mit dem Fachbegriff Alexithymie benannt. Es beschreibt die Unfähigkeit, Emotionen zu zeigen und zu verstehen. Die Alexithymie tritt relativ häufig auf, rund acht Millionen Menschen in Deutschland sind von ihr betroffen. Daher zeigen sich Symptome auch in stark variierender Intensität. Während einige gefühlskalte Menschen Emotionen wie Wut oder Freude durchaus empfinden und nur Schwierigkeiten haben, diese angemessen auszudrücken, ist die Eigenschaft bei anderen so stark ausgeprägt, dass sie keinerlei Zugang zu ihren eigenen Gefühlen haben. Die Störung beschreibt also gleichzeitig eine fehlende emotionale Intelligenz – so nämlich wird die Fähigkeit genannt, eigene und fremde Gefühle zu erkennen, zu verstehen und zu beeinflussen. Die Gefühlskälte wird nicht als Krankheit angesehen.

Ursachen und Symptome von Gefühlskälte

Gefühlskälte wird in zwei Arten unterteilt – die primäre und die sekundäre Form. Erstere prägt sich in der frühen Kindheit aus, wenn Kinder nicht von ihren Eltern lernen, wie Gefühle wahrgenommen und ausgedrückt werden. In der Regel liefern Eltern schon im Kleinkindalter mit Fragen wie „Freust du dich darüber?“ oder „Macht dich das traurig?“ eine Bezeichnung für Emotionen, die Kinder nach und nach abspeichern und mit ihrem Gefühl verknüpfen. Leiden die Eltern jedoch selbst an Depressionen, Gefühlskälte, einer labilen Persönlichkeit oder bauen keine enge Bindung zu ihrem Kind auf, findet diese frühe Emotionslehre meist nicht statt.

Die sekundäre Form tritt hingegen erst im Laufe des Lebens nach physischen oder psychischen Traumata oder aber nach intensiven Stressphasen auf. Die Trennung der Eltern oder der Verlust eines geliebten Menschen kann bei einem Menschen etwa Verlustangst auslösen, die als eine Schutzreaktion verhindert, zu viel Vertrauen zu anderen aufzubauen – aus Angst, wieder verlassen zu werden. Diese Angst kann sich dann, wenn Sie nicht in Angriff genommen wird, zu Gefühlskälte ausprägen. Symptome der sogenannten Alexithymie ähneln häufig denen einer Depression, die Störung zeigt sich also mitunter wie folgt:

  • Gefühlskalte Menschen wirken häufig ernst, distanziert oder gelangweilt
  • Sie können nur schwer zwischen körperlichen Empfindungen und Gefühlen unterscheiden
  • Sie sind unfähig, ihre Emotionen zu erkennen und zu kommunizieren
  • Sie können sich nicht in die Gefühlswelt anderer Menschen hineinversetzen
  • Zuneigungsbekundungen wie etwa die Aussage „ich liebe dich“ gibt es nur selten
  • Gefühlskalte Menschen handeln sehr rational und wirken auch in sexueller Hinsicht oft eher zielgerichtet und daher leidenschaftslos
  • Betroffenen fällt es schwer, zu unterscheiden, ob Sie für einen Menschen Freundschaft oder Liebe empfinden

Der Gefühlskälte-Selbsttest: Leiden auch Sie unter Alexithymie?

Vielleicht nehmen Sie sich selbst als eher emotionslosen Menschen wahr, oder Sie haben schon häufig aus dem Bekanntenkreis gehört, dass Sie distanziert oder sehr rational wirken. Dies äußert sich besonders in Beziehungen – vor allem dann, wenn Sie mit einem emotionalen Partner zusammen sind. Wurden Sie in früheren Beziehungen verletzt oder mussten negative Erfahrungen sammeln, können auch diese eine gewisse Gefühlslosigkeit als Schutzreaktion hervorrufen, um bei der Partnersuche gleiches nicht noch einmal erleben zu müssen. Die fünf Fragen in unserem Selbsttest helfen Ihnen, zu erkennen, ob auch Sie gefühlskalt sind:

  1. Haben Sie häufig Schwierigkeiten dabei, Ihre eigenen Gefühle in Worte zu fassen?
  2. Fällt es Ihnen schwer, mit Menschen umzugehen, die wütend oder aufgebracht sind?
  3. Gelingt es Ihnen in der Regel nicht, zu erfassen, was Sie für Ihre Familie, Freunde oder Ihren Partner empfinden?
  4. Betrachten Sie körperliche Nähe häufig als eine zu einer Beziehung zugehörige Funktion, statt sie richtig zu genießen?
  5. Fühlen sich Ihre Mitmenschen oft unverstanden, wenn sie mit Ihnen über ihre Probleme sprechen?

Treffen drei oder mehr dieser Fragen auf Sie zu, kann dies ein Anzeichen dafür sein, dass Sie unter Gefühlskälte leiden. Im nächsten Abschnitt erfahren Sie, wie Sie es am besten schaffen, mit dieser umzugehen.

So gelingt der Umgang mit der eigenen Gefühlskälte

Auch wenn Alexithymie nicht als Krankheit betrachtet wird, stellt sie Betroffene in sozialen Lebensbereichen und Partnerschaften vor große Herausforderungen. In jedem Fall ist der erste Schritt, sich einzugestehen und zu akzeptieren, dass Sie zu Emotionen einen schwierigeren Zugang haben als viele andere Menschen. Eine schwach ausgeprägte Gefühlskälte resultiert manchmal allein daraus, dass Sie nie gelernt haben, Gefühle zu zeigen oder sich mit diesen auseinanderzusetzen. Besonders Männern wird es in unserer Gesellschaft eher als Schwäche ausgelegt, emotional zu sein, sodass sie häufiger als gefühlskalt wahrgenommen werden. In diesem Fall kann es Ihnen allein gelingen, durch das Training Ihrer Empathie Stück für Stück einen besseren Zugang zu Ihren und den Gefühlen anderer Menschen zu erlangen. Das gelingt etwa, indem Sie sich mehr mit sich selbst und Ihrem Innenleben auseinandersetzen, Ihre Kommunikationsfähigkeit durch viel Übung verbessern und viel Zeit mit anderen Menschen verbringen.

Bei stark ausgeprägten Fällen der Gefühlskälte hilft in der Regel eine Psychotherapie. Insbesondere, wenn Sie zusätzlich unter psychosomatischen Beschwerden wie ständigen Kopfschmerzen, Schlafmangel oder Bauchschmerzen leiden, für die es keine körperlichen Ursachen gibt, ist eine Therapie ratsam. In dieser erlernen Sie unter professioneller Anleitung, sich mit Ihren eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen, besser im sozialen Umfeld zurechtzukommen und erfüllende Beziehungen zu führen.

Gefühlskälte in der Kennenlernphase – gelingt es, eine Bindung aufzubauen?

Eine emotionale Bindung zu einem gefühlskalten Menschen aufzubauen ist durchaus herausfordernd, denn das Kennenlernen läuft nicht unbedingt nach dem für uns bekannten Schema ab. Ist es für Sie selbstverständlich, nach den ersten Treffen die eigenen Gefühle anzusprechen und dem anderen zu vermitteln, was sie für ihn empfinden, fallen solche Gespräche gefühlskalten Menschen sehr schwer. Die eigenen Gefühle können nicht formuliert werden, gegebenenfalls geht Ihr Gegenüber sogar auf Distanz aus Angst davor, mit der sich entwickelnden Nähe nicht umgehen zu können. Durch eine solche Distanz oder das Ausweichen emotionaler Gespräche entwickelt sich bei Ihnen schnell das Gefühl, der andere habe keine ernsten Absichten, Bindungsangst oder nur geringes Interesse an Ihnen – die perfekte Basis für Missverständnisse. Dennoch lässt sich auch mit einem gefühlskalten Menschen eine Beziehung aufbauen. Damit dies gelingt, gibt es einige Tipps, die das Kennenlernen und Zusammenleben trotz Gefühlskälte vereinfachen:

  • Regen Sie einfühlsame Gespräche an, um Ihre gegenseitigen Denkweisen und Perspektiven besser nachvollziehen zu können und sich so anzunähern.
  • Bringen Sie Ihrem Gegenüber so viel Empathie wie möglich entgegen. Denn nur, weil er seine Gefühle nicht ausdrücken kann, bedeutet das nicht, dass er nichts empfindet. Ihr Einfühlungsvermögen wird ihm helfen, sich akzeptiert zu fühlen und innere Anspannungen abzubauen.
  • Setzen Sie einen gefühlskalten Menschen nicht unter Druck und vermeiden Sie es, ihn immer wieder mit Fragen nach seinem Gefühlszustand zu löchern. Andernfalls wird er sich bedrängt fühlen und noch mehr distanzieren.
  • Versuchen Sie, die Emotionslosigkeit Ihres Gegenübers nicht persönlich zu nehmen, unterdrücken Sie aber auch Ihre eigenen Bedürfnisse nicht. Wenn Ihnen etwas fehlt, dann kommunizieren Sie dies ehrlich und verständnisvoll – am besten mit konkreten Lösungsvorschlägen, die Sie gemeinsam ausprobieren können.

Besonders die Tatsache, dass gefühlskalte Personen auch in intimer Hinsicht eher zweckmäßig handeln und daher körperliche Nähe wie Umarmungen, Küsse oder Händchenhalten nur selten selbst einfordern, stellt das Kennenlernen ebenso wie Beziehungen oft auf die Probe. Denn ein gefühlskaltes Verhalten kann dazu führen, dass Sie sich als Partner ungeliebt oder ungenügend fühlen und an der Zuneigung des anderen zweifeln. Sollten Sie spüren, dass Sie das Zusammensein mit einem gefühlskalten Menschen dauerhaft zu stark verunsichert, sollten Sie um Ihrer selbst Willen eine Trennung in Erwägung ziehen.

Fazit: Gefühlskalt zu sein ist herausfordernd, aber kein K.O.-Kriterium

Die Gefühle füreinander in kleinen Gesten oder Zärtlichkeiten unter Beweis zu stellen, über die eigenen Emotionen offen sprechen können und in schwierigen Phasen Mitgefühl des Partners entgegengebracht zu bekommen – für viele Menschen gehört genau das zu einer Beziehung dazu. Wer allerdings gefühlskalt ist und sowohl die eigenen Gefühle nicht zeigen als auch fremde Emotionen nicht erkennen oder nachvollziehen kann, steht vor einer großen Hürde, denn klassische Beziehungserwartungen lassen sich so nur schwer erfüllen. Doch wie stark sie auch ausgeprägt ist, lässt sich Gefühlskälte gut behandeln – ob durch alleiniges Training der emotionalen Intelligenz oder professionelle Unterstützung. Wem es gelingt, viel Empathie aufzubauen, Druck zu minimieren und immer wieder einfühlsame Gespräche anzuregen, der kann auch in der Beziehung zu einem gefühlskalten Menschen sehr glücklich werden.