Mann sitzt am Steg und hat Verlustangst

Verlustangst: Wie wirkt sie sich auf unsere Partnerschaft aus?

von Luisa Münch , 20. Jänner 2020

Verlustangst ist ein Gefühl, das die meisten Menschen schon einmal gespürt haben. Am häufigsten tritt es innerhalb unserer Beziehungen auf – also dann, wenn wir befürchten, den Partner zu verlieren. Bei manchen Menschen nimmt die Angst jemanden zu verlieren, so starke Ausmaße an, dass der bevorstehende Verlust allgegenwärtig erscheint, was einen hohen Leidensdruck für beide Seiten bedeutet. Kann eine Partnerschaft dennoch gelingen, oder ist durch die Verlustangst die Liebe zum Scheitern verurteilt?

So beeinflusst unsere Kindheit die Verlustangst in der Liebe

Wenn ein Kind von seinen engsten Bezugspersonen Zurückweisung erfährt oder ein Verlusterlebnis nicht verarbeitet oder gar nicht erst erkannt wird, kann das eine der Ursachen für Verlustangst sein. Solche traumatischen Erfahrungen prägen sich auf die weitere Entwicklung aus und führen dazu, dass sich Betroffene wertlos fühlen oder nicht in der Lage sind, anderen Menschen wirklich zu vertrauen. Da sie bereits Zurückweisung oder Ablehnung von engen Bezugspersonen erfahren haben, ist die Angst, dieses schmerzhafte Gefühl in späteren Beziehungen erneut zu erleben, ein ständiger Begleiter. Neben traumatischen Erlebnissen gibt es zudem auch andere Aspekte im familiären Umfeld, die spätere Verlustangst begünstigen können. Diese sind beispielsweise eine große Angstbereitschaft oder die Neigung zu Depressionen in der Familie, eine Erziehung zu Abhängigkeit oder Unselbstständigkeit sowie ein Mangel an Bewältigungsformen, etwa in Situationen der Trauer.

Wie viel Angst, jemanden zu verlieren, ist gesund?

Die Angst davor, einen geliebten Menschen zu verlieren, ist ein ganz menschliches Empfinden – das Maß dieser Angst ist jedoch entscheidend:

„Ein gewisses Maß an Verlustangst ist eine ganz normale Reaktion, beispielsweise in einer Phase mangelnder Anerkennung von Seiten des Partners oder wenn das Gefühl entsteht, die Liebesbeziehung ist vermeintlich oder tatsächlich bedroht. Wer sich in der Liebe öffnet und sein Innerstes mit einem Partner teilt, der kann selbst bei einer stabilen Partnerschaft auch Momente der Angst empfinden, diese Intimität zu verlieren. Erst wenn die emotionale Reaktion unangemessen ist, wird Verlustangst hinderlich und äußert sich meist in übertriebener Eifersucht.“

Lisa Fischbach, Psychologin und Forschungsleiterin bei ElitePartner

An diesen Symptomen kannst du Verlustangst erkennen

Wenn Menschen mit Verlustangst die Erfahrung der Zurückweisung auf alle Personen übertragen, die ihnen im weiteren Leben nahekommen, entsteht daraus ein Teufelskreis. Der Verlust wird dann als unvermeidlich wahrgenommen, auf die eigene Person bezogen und steht im Zentrum aller Gedanken. In diesen Symptomen prägt sich Verlustangst dann oft aus:

  1. Der Betroffene leidet unter starken Selbstzweifeln und denkt, die Liebe des Partners nicht wert zu sein.
  2. Diese rufen häufig Eifersucht hervor – die Angst, etwas oder jemand könnte dem Partner wichtiger sein als der Betroffene selbst, wird unerträglich.
  3. Das übermäßige Bedürfnis nach Bestätigung und Sicherheit wird für einige Betroffene zu einer Art Liebeswahn. Ständig muss der Partner seine Liebe beweisen.
  4. Um eine mögliche Bedrohung der Beziehung rechtzeitig zu erkennen, unterliegen oft alle Schritte des Partners dem Kontrollzwang des Betroffenen.
  5. Verlustängstliche Personen sind sehr pessimistisch – wenn sie dauerhaft vom Schlimmsten ausgehen, fühlen sie sich im Falle eines tatsächlichen Verlusts auf den Schmerz vorbereitet.
  6. Ist die Angst vor erneuten schmerzvollen Erlebnissen zu groß, entsteht daraus oft Bindungsangst oder Bindungsstörung.

So gelingt es dir, die Verlustangst zu überwinden

Wer einmal im Teufelskreis der Verlustangst steckt, fühlt sich oft hilflos und seinen Ängsten vollkommen ausgeliefert – es ist jedoch möglich, aus diesem Kreis auszubrechen. Solltest du also selbst unter der Angst leiden, jemanden zu verlieren, dann helfen dir folgende Methoden beim Überwinden deiner Verlustangst:

1. Fasse deine Ängste in Worte

Du kannst deine Ängste nur überwinden, wenn du diese nicht unterdrückst. Ein wirksamer erster Schritt ist es, dir all deiner Ängste und Sorgen bewusst zu werden, beispielsweise in Form eines Tagebuchs oder in Gesprächen mit der Familie oder einem Vertrauten. Verlustängste können in starken Phasen schnell zu emotionaler Überforderung führen, sodass ein hilfreicher Ausgangspunkt ist, sich zunächst ganz sachlich mit den Ängsten auseinanderzusetzen.

2. Lerne, dich selbst zu schätzen

Zwar lässt sich Selbstliebe nicht von heute auf morgen ausbilden – doch ist sie einer der wichtigsten Schlüssel, um Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen und sich selbst wertzuschätzen. Positive Glaubenssätze können ein erster Schritt in diese Richtung sein. Wirst du also von negativen Gedanken übermannt, fokussier dich bewusst auf Affirmationen wie „Ich bin es wert, geliebt zu werden“ oder „Ich bin stark genug, um mein Leben selbst in die Hand zu nehmen“. Führ dir dies immer und immer wieder vor Augen, nimm dir Zeit für dich selbst und konzentrier dich auf all deine positiven Eigenschaften. Du wirst spüren, wie sich dein Selbstbild nach und nach positiv verändert.

3. Trainiere verschiedene Entspannungsmethoden

Entspannungstechniken helfen vor allem im Ernstfall. Die Verlustangst überkommt dich, du wirst panisch oder fühlst dich hilflos? Eine tiefe und bewusste Bauchatmung versorgt dich in solchen Phasen mit genügend Sauerstoff und hilft, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Längerfristig ist Meditation eine ausgezeichnete Möglichkeit, um sich selbst zu beruhigen und insgesamt entspannter durch das Leben zu gehen. Viele Meditationsübungen lassen sich schon mit wenigen Minuten in den Alltag integrieren.

4. Fokussier dich auf das Positive in deiner Beziehung

Auch hier geht es um eine bewusste Auseinandersetzung mit deinen Emotionen. Du leidest unter starker Trennungsangst, weil du denkst, dein Partner könnte dich betrügen – Anzeichen dafür gibt es aber eigentlich gar nicht? Fokussier dich ganz gezielt auf das Positive in deiner Beziehung, denn hier und jetzt ist dein Partner an deiner Seite, weil er dich liebt. Die Ängste vor dem Verlust hingegen entspringen deiner Fantasie. Falls du die positiven Seiten deiner Beziehung im Ernstfall nicht abrufen kannst, mach dir Notizen von gemeinsamen Erlebnissen oder liebevollen Gesten deines Partners, um diese in Momenten großer Angst griffbereit zu haben.

5. Führe ein selbstständiges Leben

Die Verlustangst schließt häufig mit ein, dass Betroffene sich von ihrem Partner emotional abhängig machen. Ein Leben ohne den anderen ist nicht mehr vorstellbar, sodass sie der Angst völlig ausgeliefert sind. Was hierbei hilft, ist ein eigenständiges Leben. Auch in einer Partnerschaft ist es wichtig, Kontakte zu Freunden und der Familie zu pflegen und eigenen Hobbys nachzugehen. So lernst du Stück für Stück, dass du ein eigenständiger Mensch mit einem lebenswerten Alltag bist.

6. Hol dir die Unterstützung eines Experten

Eine Psychotherapie ist oft die wirkungsvollste Methode, um die Verlustangst zu überwinden. Die Ziele hierbei sind unter anderem Vertrauensbildung, eine Realitätsprüfung, das Verständnis für die eigene Vergangenheit und das konkrete Erlernen neuer Verhaltensweisen. Solltest du also das Gefühl haben, deine Verlustangst nicht allein bewältigen zu können, scheu dich nicht davor, Unterstützung von einem Therapeuten anzunehmen.

Möglichkeiten, mit der Verlustangst deines Partners umzugehen

Dein Partner hat Verlustangst – oft ist das eine große Herausforderung für die Beziehung. Denn gegen die Angst des anderen kannst du selbst wenig tun, und Liebesbekundungen führen häufig ins Leere. Übermäßige Eifersucht, Kontrolle und das ständige Bedürfnis nach Sicherheit deines Partners werden auf Dauer immer anstrengender und können zu ernsthaften Beziehungsproblemen führen. Kommt dir diese Situation bekannt vor, helfen folgende Tipps beim Umgang mit der Angst deines Partners:

  • Sprich offen mit deinem Partner über seine Ängste, um zu zeigen, dass du Verständnis für ihn aufbringst.
  • Behalte dir deine Freiräume bei, um ein eigenständiger Mensch zu bleiben.
  • Erklär deinem Partner ehrlich, was seine Ängste in dir auslösen und wie auch du darunter leidest.
  • Setz deinen Partner nicht unter Druck, sondern wertschätze es, wenn er seine Angst, dich zu verlieren, zu überwinden versucht – auch, wenn dies ein langer Prozess ist.
  • Macht eine Paartherapie, um gemeinsam einen Umgang mit der Verlustangst zu erlernen.
  • Zieh eine Trennung in Betracht, wenn die Verlustangst deines Partners zu stark wird und du selbst nur noch unter der Beziehung leidest.

Fazit: Verlustangst zu überwinden erfordert Geduld

Die Angst davor, jemanden zu verlieren, ist ein ganz menschliches Gefühl. Wer in der Kindheit bereits Zurückweisung erfahren hat, zu Unselbstständigkeit erzogen wurde oder Verlusterlebnisse nicht verarbeiten konnte, entwickelt im Erwachsenenalter oft starke Verlustängste in Partnerschaften mit hohem Leidensdruck für beide Seiten. Wird die Angst nicht in Angriff genommen, kann diese durchaus zum Beziehungsende führen, wenn der nichtbetroffene Partner die Kontrolle und Eifersucht des anderen nicht mehr aushält. Doch auch mit Verlustangst sind Beziehungen nicht automatisch zum Scheitern verurteilt. Wichtig ist, dass der Betroffene sich bewusst mit seinen Ängsten auseinandersetzt und Methoden entwickelt, diese zu überwinden – etwa, indem er das eigene Selbstbild stärkt, sein Leben eigenständig gestaltet oder eine Therapie in Anspruch nimmt. So kann die Verlustangst nach und nach überwunden und der Weg zu einer glücklichen und von Sicherheit erfüllten Partnerschaft geebnet werden.