Weiße Herzen aus Papier als Symbol für Liebeswahn

Liebeswahn oder doch nur wahnsinnig verliebt? Wenn Liebe zur Krankheit wird

von Helena Papadakis , 15. Feber 2018

Als Liebeswahn, Erotomanie oder auch Paranoia Erotica bezeichnen Psychologen die Neigung, sich bis über beide Ohren in einen Menschen zu verlieben, der diese Gefühle nicht erwidert. Häufig werden Professoren, Ärzte, Lehrer oder Stars zum Objekt der Begierde – Menschen mit hohem sozialen Status, die dadurch schier unerreichbar scheinen. Erstmals beschrieben wurde diese seelische Krankheit Anfang des 20. Jahrhunderts vom französischen Psychiater Gaetan de Clérambault, weshalb das Phänomen anfangs auch als De-Clérambault-Syndrom bezeichnet wurde. Er beschrieb unter anderem eine 53-jährige Französin, die krankhaft verliebt dem britischen König Georg V. hinterher reiste und ihm auflauerte.

Noch Schwärmerei – oder schon Liebeswahn?

Aus ganzem Herzen für jemanden schwärmen, etwa einen Musiker oder einen Schauspieler – das kennen die meisten Menschen noch aus ihrer Teenagerzeit. Und an dieser Bewunderung aus der Ferne, Tagträume inklusive, ist auch nichts Verwerfliches. Später erinnern sich die meisten mit einer gewissen Rührung an die unschuldige Verklärung dieses einen Stars, der mittlerweile auch schon in die Jahre gekommen ist.

Liebeswahn allerdings geht weit über harmlose Schwärmereien hinaus. „Meist sind es ungebundene Frauen zwischen 40 und 60 Jahren, die unter der wahnhaften Störung leiden“, weiß Hans-Jörg Assion, Psychiater und Chefarzt der Allgemeinen Psychiatrie der Landesklinik Westfalen-Lippe in Dortmund. Aber jüngere Frauen oder auch Männer können ebenso darunter leiden. Oft sind dem Ausbruch der Erotomanie belastende Lebensereignisse vorausgegangen, die dann als eine Art Auslöser der Wahnstörung fungieren können. Was die Betroffenen aber über Alter, Geschlecht und Lebensbedingungen hinweg eint, ist die feste Überzeugung, dass der oder die Geliebte ebenso verliebt ist, aber aus bestimmten Gründen keine Gefühle zulassen kann.

Liebeswahn-Test: In 5 Schritten finden Sie es heraus!

Einfach nur verliebt oder schon krank vor Liebe und hoffnungslos verliebt? Lässt sich Erotomanie erkennen? Wir liefern Ihnen einen Überblick über die Anzeichen. Machen Sie den Liebeswahn-Test:

  1. Liebeswahn durch einseitige Liebe
    In der Regel hat der oder die Angebetete keine Ahnung von den Gefühlen oder auch nur der Existenz des Betroffenen, der unglücklich verliebt ist. Das Liebeswahn-Symptom blüht gerade in der ersten Phase im Verborgenen.
  2. Errichten einer Parallelwelt
    Um nicht aus dem Traum aufwachen zu müssen und die rosarote Brille weiter aufzubehalten, strickt sich der Betroffene von Liebeswahn seine eigene Realität und findet so zahlreiche Gründe, warum das Ziel seiner Liebe sich nicht erklären kann: große Schüchternheit oder edle Zurückhaltung, der Ehepartner, die Kinder, die Gesellschaft halten ihn oder sie davon ab.
  3. Gezielte Fehlinterpretationen
    In dieser selbstkonstruierten Welt des krankhaft Verliebten erhalten völlig neutrale Dinge eine neue Bedeutung: Er hat sich durch die Haare gestrichen, um mir ein Signal zu geben. Sie hat gelächelt, als sie an mir vorüberging. All das kann ja nur bedeuten: Er oder sie erwidert meine Gefühle. Fatal bei diesem Liebeswahn-Symptom: Das Objekt der Begierde liefert so immer neue „Bestätigungen“, ohne es selbst zu ahnen.
  4. Stalking
    In meist anonymen Telefonanrufen, mit Nachrichten, Geschenken oder auch realen Treffen treten an Liebeswahn erkrankte Menschen irgendwann an den Schwarm heran. Sie stellen ihm nach, lauern ihm auf, konstruieren Gelegenheiten, bei denen man sich „rein zufällig“ über den Weg laufen könnte. „Im schlimmsten Fall stellen die Betroffenen ihren Opfern um die ganze Welt nach“, erklärt Kriminalpsychologe Jens Hoffmann, Leiter des Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement Darmstadt.
  5. Uneinsichtigkeit führt zu Liebeswahn
    Für rationale Argumente von Freunden oder Verwandten sind die an Erotomanie leidenden Personen meist nicht mehr zugänglich. Sie interpretieren alle Versuche nur als ein weiteres Hindernis auf dem Weg zur Beziehung und als Zeichen dafür, dass diese Liebe künftig noch besser geschützt werden muss.

Prinzip Hoffnung: Lässt sich Liebeswahn heilen?

Die meist fehlende Einsicht macht es schwer, dieses Extrem zu heilen. Dennoch gilt es den Liebeswahn nicht auf die leichte Schulter zu nehmen – gerade, weil irgendwann die Realität in die Scheinwelt eindringen wird, was den Betroffenen völlig aus dem Takt bringt. Besser ist, dem Betroffenen frühzeitig zu einer Psychotherapie zu raten und weiter freundschaftlich an seiner oder ihrer Seite zu bleiben. Liebeswahn lässt sich heilen – wenn der Betroffene bereit ist, Hilfe anzunehmen.

Fazit: Liebeswahn – die dunkle Seite der Liebe

Liebeswahn ist mehr als nur eine unglückliche, aussichtslose Liebe – es ist eine seelische Störung, bei der sich Betroffene unsterblich in eine scheinbar unnahbaren Mann oder Frau verlieben in der festen Überzeugung, von dieser auch geliebt zu werden. Um der Wahrheit nicht ins Auge blicken zu müssen, konstruieren sie lieber eine Parallelwelt und deuten harmlose Gesten des Geliebten um in heimliche Zeichen. Liebeswahn zu testen, ist nicht wirklich einfach. Alleine aus dieser selbstgebastelten Scheinwelt zurückzufinden und in den ganz normalen Alltag zurückzufinden, ist keine leichte Aufgabe. Zur Heilung ist es deshalb besonders wichtig, Symptome für Liebeswahn frühzeitig zu erkennen und zeitnah nach einer fachlichen Beratung und psychologischer Unterstützung zu suchen.